Fragologie im Beruf – Texterin (Gastbeitrag!)

5. Dezember 2011

Blogwichteln Texttreff

Natürlich gehört in die Reihe “Fragologie im Beruf” auf jeden Fall auch meine eigene Profession. Texter brauchen viele und präzise Fragen, wenn sie gute Arbeit leisten wollen. Aber warum soll ich schon wieder über mich selbst schreiben? Ich kenne doch viele kreative, kompetente und auch noch furchtbar nette Kolleginnen aus dem texttreff – dem besten Netzwerk der Welt. Die haben immer unglaublich gute Ideen. Dieses Jahr beschenken sich die Bloggerinnen unter uns gegenseitig mit Blogbeiträgen in der Vorweihnachtszeit. Dieses “texttreff-Blogwichteln” verschaffte mir den schönen Gastbeitrag von Elke Hesse, den ich Euch heute hier präsentiere. Mein eigener Gastbeitrag wird bald auf dem Blog einer anderen Textine (= Mitglied im texttreff) erscheinen.

Die Autorin dieses Beitrages:
Elke Hesse (http://www.wort-gestalten.de) textet (und lektoriert) freiberuflich, hauptsächlich im Auftrag von Werbeagenturen, für Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen (Automobile, Software, Mode, Verkehr, Catering u. a.). Von Anzeigen, Flyern, Mailings, Kundenbriefen bis zu Produkt- und Imagebroschüren.

Fragologie im Beruf – Texterin

1. Wie wichtig ist „Fragestellen“ in Ihrem Berufsleben? Wem stellen Sie Fragen und zu welchem Zweck?
Meine Arbeit als Texterin beginnt fast immer mit sehr präzisen Fragen. Denn es passiert äußerst selten, dass ein Kunde bereits von Anfang an mit einem ausführlichen Briefing (so heißen im Werbejargon zusammengefasst die Informationen, die für den Inhalt, das Format und die Zielsetzung des Textes benötigt werden) daherkommt. Meistens fallen mir auf Anhieb noch Dutzende von Fragen ein, deren Antworten ich für die Textkonzeption benötige. Ein durchdachtes Konzept ist das Gerüst jedes guten Zielgruppentextes. Ein Vertriebsmailing für eine Software muss ich anders schreiben als einen Flyer für die neue Wintermode. Den Kunden einer Premium-Automarke spreche ich (in den meisten Fällen jedenfalls) anders an als den Fahrgast einer städtischen Verkehrsgesellschaft.
Na ja, und dann ist es bei den meisten Unternehmen und Branchen so: Im Laufe der Zeit entwickeln sich Fachbegriffe und auch Phrasen (Phrasologie ist das Gegenstück zur Fragologie), die zum einen im Unternehmen selbst gar nicht mehr hinterfragt und zum andern so selbstverständlich benutzt werden, dass keiner auf die Idee kommt, jemand anders könne sie nicht verstehen. Mein Vorteil ist dann, dass ich als Außenstehende lustig drauflosfrage, frei nach dem Motto: Dumme Fragen gibt es nicht. Das führt erstaunlich oft zu dem Ergebnis, dass der Befragte zugeben muss, dass er das jetzt auch nicht so genau weiß. Darüber freue ich mich (heimlich) sehr, denn damit bin ich einem guten Text, der nicht nur schön klingen, sondern der in erster Linie ja verstanden werden und auch noch eine Werbebotschaft transportieren soll, ein großes Stück nähergekommen.

2. Welche Fragen stellen Sie am häufigsten?
Für welche Zielgruppe soll der Text geschrieben werden?
Was soll mit dem Text erreicht werden?
Welche Tonality (Werbesprech für: Grundton, Stil) soll er haben?
Wie lang/kurz muss/darf er sein?
Was bedeutet das und das und das und …?
Und eine Frage, die ich leider auch öfters stellen muss:
Wann wird meine Rechnung bezahlt?

3. Was müssen Sie beim Fragenstellen beachten?
Ich muss mich als Texterin in zwei verschiedene Köpfe hineindenken: in den Kopf des Auftraggebers, der einen Text für sein Unternehmen, sein Produkt haben will – und in den Kopf des Kunden, der diesen Text lesen soll. Ich muss mir also zuerst überlegen: Was will der Auftraggeber mitteilen, was will er erreichen? Und dann muss ich prüfen: Kommt die Botschaft beim Kunden an? Versteht er sie? Liest er über den Anfang hinaus weiter? Löst sie etwas bei ihm aus, reagiert er darauf? Schon wieder lauter Fragen, ja, ich geb‘s zu, ich frage einfach zu gern …

4. Welche Fragen werden Ihnen am häufigsten gestellt?
Als Texterin werde ich meistens gefragt:
Kannst du mir dafür einen KVA (Kostenvoranschlag) machen?
Als Lektorin ist meine Lieblingshassfrage:
Kannst du da mal eben kurz drüberschauen?

5. Gibt es eine Frage, die man Ihnen lieber nicht stellen sollte?
Siehe oben, die scheinbar so harmlose Frage an eine Texterin und Lektorin: Kannst du da mal eben kurz drüberschauen?
Die impliziert nämlich: Ist jetzt eigentlich kein wirklicher Auftrag, sind ja nur ein paar Zeilen, sollte eigentlich auch schon perfekt sein, darf wirklich nicht viel kosten, so was machst du ja mal eben mit links, ist also gar keine richtige Arbeit für dich, könnte ja eigentlich jeder andere auch machen, aber du machst das ja sicher gerne für uns …
Meine Antwort: Ja, mache ich gern, aber ob das kurz oder lang dauert, bestimmt allein der vorhandene Text und „mal eben“ arbeite ich nicht, sondern ganz ebenmäßig. Oder sagen Sie zur Bäckereiverkäuferin auch: Geben Sie mir mal eben kurz ein paar Brötchen, bitte? Oder an der Tankstelle: Können Sie mir mal eben kurz den Tank auffüllen? Eben.

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2 Responses to Fragologie im Beruf – Texterin (Gastbeitrag!)

  1. Ein Sack voller Geschichten | querbeet gelesen on 22. Dezember 2011 at 13:33

    [...] Elke Hesse stellt präzise Fragen: Fragologie im Beruf – Texterin [...]

  2. Ray on 29. Januar 2012 at 02:24

    Leider begreifen viele, vor allem kleine Kunden nicht, dass ein Text mehr bedeutet als nur das Schreiben, dass im Gegenteil dieser lediglich irgendwann am Ende steht. Die konsequente Weiterentwicklung des Gedanken in das Internet ist übrigens die aus den USA langsam herüber schwappenden Content-Strategie (Content Strategy). Hier steht das Konzept “am Beginn von allem” und strukturiert eine Internetseite grundlegend. Der Text ist dabei stark auf Interaktivität ausgerichtet (diese motivierend) und entsprechend formuliert. Falls sich dieser Ansatz hier durchsetzt, dürfte er auch die Position der Texter deutlich stärken.

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